Flüchtlinge

Hamza, 34

Hamza

Ich komme aus der Gegend von Daraa in Syrien. Da fing es damals im März 2011 mit der Revolution in Syrien an. Ich meine das, was ihr den „Arabischen Frühling“ nennt. Daraa hatte mal 1 Million Einwohner. Von denen sind 500.000 nach Jordanien geflohen. Ich war schon fünf Jahre, bevor das alles losging, nach Jordanien gegangen, zum Arbeiten. Ich bin Fliesenleger. Bei uns in Syrien gab es keine Jobs.

Das Problem in meinem Land ist nicht der IS, das ist Assad. Der IS ist nur in einem kleinen Teil von Syrien aktiv. In meiner Region hat der keine Rolle gespielt. Aber Assad und seine Familie können in Syrien alles tun: Menschen verschleppen, Menschen foltern, Menschen töten. Sie sehen die Leute wie Vieh, nicht wie Menschen.

Wir konnten schon seit Jahren nicht mehr offen reden, noch nicht mal zu Hause. Schon gar nicht die Regierung kritisieren. Am 18. März 2011 haben sie dann in Daraa Kinder aus der Schule heraus verschleppt. Dagegen gab es eine große Demonstration. Die Polizei hat geschossen. Zwei Leute sind getötet worden. Als sie beerdigt wurden, wurden auf der Beerdigung wieder zwei Leute erschossen.

„Wir haben mit Schlagstöcken gerechnet, aber sie hatten Maschinengewehre für uns“

Ein paar Tage später bin ich aus Jordanien in mein Heimatdorf zurückgekommen. Wir sind mit ganz vielen Dorfbewohnern aus dem Umland nach Daraa gezogen, um den Leuten dort zu zeigen, dass wir an ihrer Seite stehen. Wir haben damit gerechnet, dass uns die Polizei mit Wasserwerfern erwartet oder mit Schlagstöcken. Was sie für uns hatten, waren Maschinengewehre. Fünf Leute aus meinem Dorf wurden erschossen, ganz viele verletzt.

Wir sind vor die Regierungsgebäude in Daraa gezogen. Daneben ist ein christliches Viertel. Die Christen haben uns ihre Türen geöffnet, um uns zu schützen. Ich war auch im Haus eines Christen und in einer Kirche. Mein bester Freund war Christ. Er ist auch tot. Dass sich Christen und Muslime zusammengetan haben, hat Assad erst recht rasend gemacht.

Es gab noch mehr Demonstrationen, und es wurden immer mehr Demonstranten getötet. Die Leute haben eine Statue von Assads Vater zerstört und ein Bild von Assad verbrannt. Der ließ später verkünden: Eine Terrorbande hat die Leute auf den Demonstrationen umgebracht. Er verbreitet nur Lügen.

Einen Monat danach hat er die Armee nach Daraa geschickt. Viele Leute wurden ins Gefängnis gesteckt und gefoltert. Zwei meiner Brüder und mein Vater wurden auch verhaftet, einer meiner Cousins sogar viermal. Assad brennt einfach alles ab, alle Häuser, alles. Egal ob da jemand drin ist. Der sprengt Häuser mit TNT aus Fässern, die von Hubschraubern aus abgeworfen werden. Und es gibt nichts mehr zu essen in Syrien. Die Leute hungern. Das sind die Gründe, warum ich und alle anderen aus Syrien fliehen. Ich kann gar nicht sagen, wie viele Schmerzen die Menschen in Syrien erleiden nur wegen Assad.

„Die Welt muss sehen, was in Syrien passiert“

Ich habe das alles fotografiert und gefilmt. Ich dachte, die Welt muss sehen, was hier passiert. Wenn dieser eine Mann weg wäre, könnten 20 Millionen Syrer in Frieden in ihrer Heimat leben. Ich habe mein ganzes Material, was ich aufgenommen hatte, an alle möglichen Medien gegeben. Al Jazeera, Reuters, und so weiter. Die konnten alle nicht glauben, wie viele Leute da auf der Straße waren.

Ich habe meine Frau und meine drei Kinder noch in Jordanien. Meine Eltern sind in Syrien. Jetzt habe ich meine Familien schon sechs Monate nicht gesehen. Meine jüngste Tochter ist in Jordanien geboren. Um nachzukommen, braucht sie einen syrischen Pass. Dafür muss ich mehrere Hundert Dollar bezahlen. Mit dem Geld kauft Assad neue Bomben. Und dann muss meine Familie einen Termin in der deutschen Botschaft im Libanon bekommen. Das dauert Monate. Das alles macht mich verrückt, wenn ich darüber nachdenke. Deshalb kann ich mich auch nur ganz schwer darauf konzentrieren, mich hier einzuleben und die Sprache zu lernen. Ich weiß nicht, ob ich geflohen wäre, wen ich geahnt hätte, dass das so schwierig wird. Wenn mich jetzt jemand fragt, sage ich: Nimm deine Familie gleich mit oder lass es.

Vor zwei Wochen haben sie auch meinen Cousin umgebracht. Er war für mich wie ein Bruder. Er wollte auch raus aus Syrien und sollte zur deutschen Botschaft in Jordanien kommen. Die Jordanier haben in nicht ins Land gelassen. Zehn Tage später war er tot.

Auf der Flucht haben sie uns zuerst mit 40 Leuten in einen Transporter gesteckt. Wir konnten uns nicht mehr bewegen und haben kaum noch Luft bekommen. Mit dem Boot sind wir dann weiter nach Griechenland und über Mazedonien, Serbien, Slowenien, Kroatien, Österreich nach Deutschland. Ein Cousin von mir ist in Bottrop. Da wollte ich eigentlich hin.

„Wir wollen kein Geld, sondern eine Zukunft für unsere Kinder“

Ich wollte mein Land nicht verlassen, niemand wollte das. Aber wir haben die Hoffnung verloren, dass es Frieden geben wird. Wir kommen nicht wegen Geld. Wir kommen, weil wir eine Zukunft für unsere Kinder wollen.