Flüchtlinge

Mohamed, 33

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Das Foto hat mein Bruder gemacht. Vor fünf Jahren, bevor der Krieg losging, konnte man noch gut leben in Syrien. Da gab es diese Mauern in den Köpfen noch nicht. Mein Vater ist Sunnit, meine Mutter Alevitin. Mein Nachbar war Christ. Er ist mit mir in die Moschee gegangen und ich mit ihm in die Kirche. Das ging damals noch. Guck dir das Bild an, da siehst du beides.  Jetzt ist Syrien komplett aufgeteilt zwischen den verschiedenen Truppen, die gegeneinander kämpfen. Wenn man im falschen Gebiet landet, muss man Angst um sein Leben haben. Die Leute sind so verbohrt. Leider muss ich das sagen. In diesem Krieg sind einfach so viele dumme, beschränkte Leute unterwegs. Es gibt die Regierungstruppen, Aufständische, die ISIS-Terroristen, und noch alle möglichen anderen Truppen. Die kämpfen alle gegeneinander. Ich kann das einfach nicht verstehen. Hauptsächlich geht es um Geld und Öl.

Wenn die Leute sich hier in Deutschland wiedertreffen, spielt das keine Rolle mehr, woher man kommt und wo man sich zugehörig fühlt. Da verstehen sich alle wieder. So wie vor dem Krieg auch in Syrien. Guck hier, mein Freund ist Kurde.

Ich bin jetzt seit acht Monaten in Deutschland, aber ich warte immer noch auf meine Anhörung. Zuerst war ich in Unna, dann in Bonn, in Meerbusch, in Neersen in der Niershalle und jetzt sind wir hier in Wohnungen in Alt-Willich untergebracht. Ich komme aus Aleppo. Da habe ich Jura studiert. Weil der Krieg ausgebrochen ist, konnte ich das nicht zu Ende machen. Mit einem Laden habe ich nebenbei Geld verdient. Da habe ich Crepes und Smoothies angeboten. Der erste wurde vor drei Jahren zerstört. Nach zwei Monaten der nächste. Dann nochmal zwei Jahre später der letzte. Da habe ich aufgegeben. Nach dem Studium wäre ich eingezogen worden von der Armee. Das ist so üblich. In jeder Familie, die mehr als einen Sohn hat, müssen die Söhne Wehrdienst leisten und im Krieg kämpfen. Das wollte ich nicht. Ich will nicht losziehen, um andere umzubringen in diesem sinnlosen Krieg.

„Ich möchte allen danke sagen, die mir hier helfen“

Wir hatten in Aleppo acht Monate kein fließendes Wasser, keine Elektrizität und kein Essen. Die ISIS-Terroristen haben uns von allem abgeschnitten. Ich habe alles verloren, was ich in Syrien hatte. Meine Familie, meine Freunde, alle sind geflohen. Alles ist zerstört. Die Uni, fast alle Gebäude, Einkaufszentren, Häuser, Wohnungen. Auch die Wohnungen, wo ich gewohnt habe, sind alle Terroristen zerstört worden.

Ich war zuerst 25 Tage in der Türkei. Von da bin ich auf einem Boot nach Kos gefahren. Dafür habe ich 800 Dollar bezahlt. Um bis nach Deutschland zu kommen, habe ich nochmal 2.000 Euro ausgegeben. In Ungarn sind die Polizisten mit Knüppeln hinter uns hergerannt.

Wir wollen vor allem in Sicherheit sein. Sobald es in Syrien wieder sicher ist, gehen wir zurück. Solange bleiben wir hier. Wir sind enttäuscht von unseren arabischen Nachbarn. Als dort Krieg war, kamen 2 Millionen Iraker nach Syrien. Die brauchten dafür kein Visum, die haben wir einfach aufgenommen. Als wir jetzt fliehen wollten, haben sie uns da und in den anderen Nachbarländern überall keine Visa gegeben. Deshalb sind so viele Richtung Europa aufgebrochen, nach Deutschland und Schweden. Ich bin sehr dankbar und möchte allen danke sagen, die mir hier helfen.